Lennard Kämna: Da war mal was…

Dass ich gestern die 16. Etappe der Tour de France am Fernseher verfolgte, war eher Zufall. Mal reinschauen, es sollte ja schwer werden. Es waren noch über 50 Kilometer zu fahren, eine große Gruppe war vorn mit zwei Deutschen, Lennard Kämna und Simon Geschke. Beide habe ich bereits verfolgt, als sie noch in der U23- und Juniorenklasse waren. Mein Interesse war nun geweckt. Auf dieser Etappe nach Villard-de-Lans hatte Lennard Kämna nun zum großen Schlag ausgeholt und es im dritten Anlauf endlich geschafft, eine Touretappe zu gewinnen. Zweimal war er schon nahe dran, auf den letzten 20 Kilometern wollte er nichts mehr anbrennen lassen und fuhr als Solist seinen ehemaligen Fluchtgefährten davon.

Etappensieger Lennard Kämna (Deutschland / Team Bora – hansgrohe) ist als Solosieger im Ziel der 16. Etappe von La Tour-du-Pin nach Villard-de-Lans © Roth-Foto Pool/Vos

Es ist sechs Jahre her, dass ich mit ihm für das Fachmagazin RADSPORT ein kleines Interview führte. Ich sollte ihn in der Rubrik „Fahrer der Woche“ vorstellen. Kurz vorher wurde Lennard Kämna Europameister der Junioren im Einzelzeitfahren, nur ein paar Tag später holte er sich den Deutschen Meistertitel im Kampf gegen die Uhr. Und eine Woche später wurde er auch Deutscher Bergmeister. Das waren genug Gründe, den damals 17-Jährigen vorzustellen. Im September 2014 krönte Lennard Kämna dieses erfolgreiche Jahr mit dem Gewinn der Weltmeisterschaft im Zeitfahren der Junioren in Ponferrada. Im Jahr darauf startete er beim Team Stölting seine Profikarriere. Hier folgt nun das kleine Porträt von damals.

Lennard Kämna wurde 2014 in Ponferrada / Spanien Weltmeister im Einzelzeitfahren der Junioren. © Roth-Foto

Europameister im Einzelzeitfahren, zwei Tage später Deutscher Meister in derselben Disziplin und als Spitzenreiter ins Finale der Rad-Bundesliga: Für Lennard Kämna läuft es richtig rund. Der Junior vom RSC Cottbus feierte zuletzt große Erfolge und ginge es nach ihm, kann das so weiter gehen. „Ich habe schon mehr erreicht, als ich mir vorgenommen habe“, sagt Lennard Kämna, der vor vier Jahren von Bremen nach Cottbus wechselte. Einen Schritt, den er nicht bereut hat. Zwar fehlten bislang immer die großen Ergebnisse, das aber hat sich geändert. Neun Siege stehen für dieses Jahr in der Statistik des 17-Jährigen. Darunter sind – neben EM-und DM-Titel – Etappensiege bei der Trofeo Karlsberg und der Tour of Istria. Beide Rundfahrten gehören zum Nations Cup, Kämna ließ also stets die gesamte Weltelite hinter sich.
Mit soviel Vorschusslorbeeren musste doch auch bei der Europameisterschaften in Nyon etwas rausspringen. „Mit den Top 5 habe ich schon geliebäugelt“, sagt Lennard Kämna. Ziemlich schnell aber stellte sich heraus, dass noch sehr viel mehr drin war. 26 Sekunden hatte er am Ende der 26,9 Kilometer Vorsprung vor dem Franzosen Corentin Ermenault. Eine kleine Ewigkeit im Bezug auf die starke internationale Konkurrenz. Es lief alles rund, am Ende gab’s Gold. „Erwartet hätte ich das nicht unbedingt“, weiß Lennard Kämna seine Leistung realistisch einzuschätzen. Und dann legte er zwei Tage später bei der DM nach. Motivationsprobleme gab es das nicht. Und wenn, „dann habe ich ja auch noch meine Trainer“, sagt Kämna. Die übrigens, Rainer Gatzke und Michael Gaumnitz, holten ihn höchstpersönlich vom Flughafen ab. „Das war eine geile Symbolik“, fühlte sich Lennard Kämna geehrt. So kann er nun das nächste Ziel ins Auge fassen: Die Weltmeisterschaft. „Wenn alles gut läuft, ist eine Medaille drin.“ Trotz aller Bescheidenheit, die Erfolge vermitteln auch Lennard Kämna ein Selbstvertrauen.

Zwei Bilder, ein Rennfahrer: Zwischen diesen Fotos liegen sechs Jahre. Links fuhr Lennard Kämna in Spanien zum Weltmeistertitel der Junioren im Einzelzeitfahren, rechts als Profi beim Team Bora-hansgrohe zum Etappensieg bei der Tour de France. © Roth-Foto

Alle Bilder zu diesem Beitrag wurden mir von roth-foto.de zur Verfügung gestellt.